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Erfahrungsbericht Gehörte Stadt

Gehörte Stadt- Prenzlauer Berg (2. November 2011)

Ein wenig weiche Knie habe ich schon, als ich den Hof betrete. Ich bekomme eine Art Schlafmaske vor die Augen.

Alles dunkel. Jetzt bin ich auf meine Begleiterin angewiesen, die mich unterhakt. Sie sagt, dass sie, wenn es hochgeht, meinen Arm hochdrückt und wenn es runtergeht, meinen Arm runterdrückt. Ab jetzt wird geschwiegen.

Wir gehen durch die Toreinfahrt. Ein neues Leben beginnt. Ohne Sehsinn. Ohne Augen.

Am Anfang fühle ich mich wie ein trotziges Kind, dass eigentlich nicht mitgehen möchte, dass von seiner Mutter hinterher gezogen wird. Ich habe Angst, fühle mich unsicher, weiß nicht, was da kommt.

Ich setze einen Fuß vor den anderen. Noch nie habe ich so auf den Boden geachtet. Kommt da gleich ein Hindernis oder eine Stufe? Ich verkrampfe mich, mein Nacken wird steif. Ich sage mir, dass es alles eine Frage des Willens ist. Sei mutig! Vertrau` auf deine Begleiterin.

Es ist nicht immer einfach, zu vertrauen…Das soll jetzt noch eine Stunde gehen? Ist das anstrengend! Ich habe das Gefühl, wir gehen nur geradeaus.

An mir laufen Menschen vorbei, die ich nicht sehe, nur höre, Wortfetzen, Stöckelschuhe, ab und zu rauschen Autos vorbei.

Worauf man alles so achtet…Gerüche schleichen sich unter der Maske durch, es riecht nach asiatischer Küche… Meine Begleiterin verlangsamt ihren Schritt, das bedeutet, dass es jetzt gleich hochgeht. Bingo! Sie drückt meinen Arm hoch. So schlimm war es ja nicht…Ich merke, wie ich langsam Vertrauen fasse, geht ja! Mit der Zeit passe ich meinen Schritt dem meiner Begleiterin an. Ich laufe jetzt erhobenen Hauptes, auch, um meinen Nacken zu entlasten.

Komisch, sich vorzustellen, dass sie alles sieht…und ich? Wenn der Sehsinn wegfällt, werden plötzlich die anderen Sinne aktiviert. Zuerst einmal achte ich darauf, auf was für einem Untergrund ich laufe, erst Bürgersteig, dann grobe Pflastersteine, später raschelndes Laub auf Rasen, dessen leicht modriger Geruch mir in die Nase steigt.

Sind wir in einem Park? Mir fällt auf, dass es kälter wird- fehlt also eine schützende Häuserwand, die den Wind abhält? Dies würde für eine eher freie Fläche oder einen Park sprechen…

Ich merke, dass ich ständig dabei bin, die Wirklichkeit zu rekonstruieren, mich zu verorten. Ist ja auch irgendwie normal! Da ich mich in der Gegend nicht besonders gut auskenne, schwelge ich regelrecht in meinem „Kopfkino“.

Ich höre Geschirrgeklapper und Stimmen, die von oben zu kommen scheinen. Ist das ein Privathaushalt oder ein Restaurant?

Plötzlich wird es sehr hell und warm. Wo sind wie jetzt? Ich höre piepsende Geräusche. Das muss eine Kasse sein, leises Flaschengeklirr und es ist warm- wir sind in einem Supermarkt.

Wieder draußen auf dem Bürgersteig. Jemand schließt sein Fahrrad an- und wieder Stöckelschuhe. Kann man von den Stöckelschuhen auf den Charakter schließen? Solche Fragen stelle ich mir ernsthaft…

Mir fällt auf, dass ich schon kein Zeitgefühl mehr habe. Vielleicht ist es so, da man alles so intensiv erlebt und sich viele Gedanken macht, sodass die Zeit sich einerseits zu dehnen scheint, andererseits aber auch schnell vergeht.

Es geht bergauf. Stufe um Stufe. Erst noch unsicher, dann immer sicherer. Es ertönt ein wenig Musik und dann sind wir wieder draußen. Plätscherndes Wasser ist zu hören, unter den Füßen knirscht der Kies. Das ist ein schönes Gefühl. Geräusche können so wohltuend sein. Man sollte öfter mal die Augen schließen und etwas lauschen…

Nun geht es weiter, wir steigen Stufen hinauf, begleitet von Vogelgezwitscher, es wird wieder wärmer. Dann wird die Geräuschkulisse abgeschaltet und dann öffnen wir die Augen.

Es herrscht absolute Stille.

Elisabeth Lemke

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