veröffentlicht im Programmheft "e.poesie", ein Konzertabend in der Akademie der Künste, Berlin, am Pariser Platz anlässlich des poesiefestival berlin 2011 am 19. Juni 2011
Ondřej Adámek / Sjón
Spielwerk (2011, WP) Vokal- und Klangspiel
für 3 verstärkte Stimmen, Kontrabassklarinette, Tuba, verstärktes Schlagzeug, Sampler, Air-Sound-Maschine und Video-Projektion
Gedichte von Sjón: finnagaldur & uppstigning á fjöllum
[15’]
Die Uraufführung von Spielwerk bildet den Auftakt des e.poesie-Konzertabends im Rahmen des poesiefestivals berlin 2011. Mit Spielwerk werden zwei Gedichte des isländischen Dichters Sjón von dem in Prag geborenen Komponisten Ondřej Adámek in ein Musiktheater übertragen, das sich vom Surrealismus, von Momenten der Gewalt sowie den Beschreibungen isländischer Natur in Sjóns Texten inspirieren ließ.
Zu Beginn des als „Klangspiel“ bezeichneten Werkes setzt Adámek das erste Gedicht Sjóns finnagaldur („schamanenzauberei“) um. Dabei entsteht ein audiovisuelles Geflecht, das Literatur, Klang und Performatives vereint. Diese Verbindung versteht sich zweifellos nicht als Fortführung der in der Vergangenheit so oft geführten Debatte, ob die Musik oder die Literatur im Vordergrund stehen soll. Im Gegenteil, dem Hörer wird schnell klar, dass hier beide Ebenen gleichberechtigt nebeneinander existieren. Neben Sprache und Klang beziehen die beiden Künstler Sjón und Ondřej Adámek noch eine weitere Ebene in ihr Werk ein: Die Architektur des Foyers der Akademie der Künste hat als Klangraum für die Entfaltung der vielschichtigen musikalischen und visuellen Effekte des Werkes eine wichtige Funktion.
Die Wildheit isländischer Landschaft, die in Sjóns Gedichten oft eine Rolle spielt, scheint von Ondřej Adámek durch ungewöhnliche Klangkörper vermittelt zu werden: Bei der Aufführung werden u. a. Gymnastikbälle eingesetzt, aus denen Luft schrill durch Plastikflöten entweicht. Die Klänge wirken tatsächlich schroff und ungezähmt und mögen manchen Mitteleuropäer an das noch immer exotisch anmutende Island erinnern. Auch die übrigen eingesetzten Instrumente sind alles andere als herkömmlich und vermitteln dem Publikum den Eindruck eines Klanglabors, das zudem noch visuelle Elemente wie das kunstvoll gefaltete Origami von Anna Kubelík mit einbezieht. Der zweite Teil des Projektes der beiden Künstler folgt dem Gedicht uppstigning á fjöllum („himmelfahrt in den bergen“). Die Musik ist hier durch das Material geprägt, von dem Sjón in seinem Gedicht spricht: Felsen und Steine. Die im Text behandelte Thematik kommt außerdem auch visuell bei der Aufführung zum Tragen: So erklimmen die beiden Performerinnen Samia Dauenhauer und Anna Kubelík die mehrstöckige Treppenstruktur des Hauses, die als erweiterte Bühne dient, und lassen damit die „himmelfahrt in den Bergen“ räumlich nachvollziehen.
Katharina Fleischer
Rozalie Hirs
In LA (2003, englische Version 2010)
Komposition, Gedicht: Rozalie Hirs
for six voices or one voice and soundtrack
[ca. 19’]
Im Unterschied zu den Dichter-Komponisten-Paaren des Konzerts vereint Rozalie Hirs beide Seiten in einer Person. In der Komposition In LA verbindet sie Sprache und Musik zu einem Lautgedicht, das ihrem ehemaligen Lehrer Louis Andriessen gewidmet ist. Das in mehreren Fassungen aufführbare Stück für sechs oder einen Sprecher, wird für das poesiefestival berlin von Rosalie Hirs selbst in der Akademie der Künste mit Audio-Zuspiel inszeniert. Die Künstlerin beschreibt In LA als „gedichtetes Porträt von Louis Andriessen, das Erinnerungen und Gedanken durch unser inneres imaginatives Ohr strömen lässt.“
Die Komposition In LA greift Elemente des Erinnerns auf, indem von Rozalie Hirs das psychoakustische Phänomen des „Cocktailparty-Effekts“ als Metapher übertragen wird. Dieser Effekt benennt die Fähigkeit, im Stimmengewirr einer Party die Aufmerksamkeit auf einen einzelnen Sprechenden zu lenken. Der amerikanische Wissenschaftler E. Colin Cherry widmete sich ab 1953 diesem Phänomen. Seine Kollegen und er untersuchten die selektive Aufmerksamkeit im auditiven System und fragten sich, unter welchen Bedingungen sich Hörer einer bestimmten, unter vielen konkurrierenden, Botschaft zuwenden können. In der Tradition der Minimal Music nimmt Hirs in ihre Komposition Impulse der psychoakustischen Forschung auf. Der „Cocktailparty-Effekt“ wird so zu einem Mittel, um das räumliche Hören bewusst zu machen. Einzelne Worte und Sätze werden zwischenzeitlich deutlicher und treten danach wieder zurück in ein Gewebe von Lauten und Silben. Diese Erfahrung aus dem täglichen Leben überträgt Hirs auf den Vorgang des Erinnerns, bei dem Einzelnes, auch Alltägliches, hervortreten kann. Bedeutungen knüpfen sich an einzelne Worte und Geräusche, verdichten und überlagern sich. Die Komponistin bezeichnet In LA als „eine Kakophonie konkurrierender Erinnerungen, die aus verschiedenen Arealen eines einzigen Gehirns stammen. […] In LA ist eine besondere Cocktailparty, da die hörbaren Erinnerungen und Gedanken alle von einer Person herrühren, von Louis Andriessen.“ Hirs nutzt die minimalistischen Verfahren der Wiederholung und der subtilen Verschiebung von patterns, um durch die Variationen einen Hör- und Erinnerungsraum zu erzeugen, in dem die Assoziationen der Hörer frei schweifen können. Dabei beginnen sich die Grenzen zwischen Verstehen und Nichtverstehen stetig zu verrücken, und die Wortklänge ähneln sich klaren bzw. verblassenden Erinnerungen an.
Irene Lehmann
Dmitri Kourliandski / Stanislaw Lwowski
wireless technologies (2011, WP) für Stimme und 3 Instrumentengruppen
Text von Stanislaw Lwowski [Gedicht: wireless technologies]
für Stimme, 4 Flöten, 4 Saxophone, Bassklarinette, Kontrabassklarinette, Tuba, Schlag-zeug, Violine, Violoncello und Kontrabass
[ca. 20’]
„Ich bevorzuge etwas, das statisch ist, aber gleichzeitig ungeahnte neue Gedanken eröffnet. Eigentlich könnte man meine Kompositionen als einen Mechanismus bezeichnen, bei dem man nur den Knopf drückt und somit die ganze Musik herausfließt. Die Hörer sind dazu eingeladen, zu ergründen, wie mein Stück funktioniert.“ Diese von Dmitri Kourliandski ausgesprochene Einladung gilt auch für sein Stück wireless technologies, dessen Material beinahe vollkommen durch den Text Stanislaw Lwowskis geprägt ist. Sein gleichnamiges Gedicht bietet ein realistisches Bild des Einflusses moderner Kommunikationstechnologien auf uns selbst. Stanislaw Lwowski stellt hierbei besonders in den Vordergrund, wie die neuen Kommunikationsmittel unsere Sprache und letztlich auch unsere Beziehungen verändern können.
Diese Thematik wird von Dmitri Kourliandski musikalisch aufgegriffen und neu gestaltet. Während die Solistin Natalia Pschenitschnikowa das Gedicht in seiner ursprünglichen Sequenz interpretiert, wird gleichzeitig der Text von Lwowski in einzelne Buchstaben, Wörter bzw. Wortkombinationen zerlegt und auf die im Raum verteilten Instrumentalgruppen aufgespalten, die diese auch verbal, jedoch mittels ihrer Instrumente artikulieren. So wird Sprache als Sprachklang rekomponiert und in den Raum getragen. Der Text erfährt durch seine stimmliche Verfremdung und Aufspaltung eine dramatische Veränderung. Handelt das Gedicht eher vom Kollaps des Raumes, von sich zusammenziehender Zeit und schwindenden Distanzen, wird der musikalische Raum durch Kourliandski punktuell erweitert und vermittelt den Eindruck, als sei er aus einer Vielzahl von Pixeln zusammengesetzt. Wie die einzelnen Pixel ein Bild am Computerbildschirm ergeben, so entsteht auch aus den an verschiedenen Orten positionierten Klangquellen ein überraschender Gesamtklang, ein Feld aus sich überlagernden Informationsströmen.
Katharina Fleischer
Eliav Brand / Michael Stauffer
dee go inde schoom (2001) for 2 readers and a group of readers
[ca. 7’]
Durch die enge Zusammenarbeit gelingt es Eliav Brand und Michael Stauffer, in ihren Kompositionen die sprachliche und musikalische Ebene miteinander zu verschmelzen. Die Künstler tauschen Texte, Klänge, Geräusche, Bilder und Performance-Ideen aus. Gelegentlich vertauschen sie sogar ihre Rollen, so dass Stauffer beginnt, Klänge zu schreiben, während Brand Teile von Texten komponiert.
dee go inde schoom beruht ganz auf dem vokalen Zusammenspiel von Sprache und Melodie. In der Lautkomposition, die von Eliav Brand und Michael Stauffer sowie einer Lesergruppe vorgetragen wird, sind es Satzanfänge, Worte oder Klänge, die hörbar werden und sich überlagern. Durch die Klangähnlichkeit der verwendeten Sprachen, der Mischung von deutschen, englischen und jiddischen Worten oszillieren die Sätze ständig an der Grenze des Verstehens. Auf diese Weise entsteht ein Kauderwelsch, das eine eigene Bedeutsamkeit entwickelt.
dee go inde schoom verharrt jedoch nicht auf der tragischen Seite misslingender Kommunikation. Vielmehr wird mit unbeschwerter Leichtigkeit ein komischer Aspekt von Sprache wahrnehmbar. Das Changieren zwischen sinnhaften Wort- und Melodiefetzen lässt nicht nur die Kluft spürbar werden, die zwischen einem festen Sprachsystem und den sich darin nicht erfüllenden Ausdruckswünschen entsteht. Aus dem spielerischen Umgang mit Worten und Klängen entwickeln sich vielmehr völlig neue Sprachformen.
Sehr Sehr Gesellig (2011, WP) for five instruments and recorded sound
für Klarinette, Bassklarinette, Schlagzeug, Violine, Violoncello und Audio-Zuspiel
[ca. 10’]
Sehr Sehr Gesellig porträtiert dem Künstlerpaar zufolge „die Spannung zwischen dem Hemmnis und dem Verlangen in der Kommunikation des modernen Individuums.“ Während dee go inde schoom auf der vokalen Ebene bleibt, ist in Sehr Sehr Gesellig eine Gesellschaft von Streich-, Blas- und Schlaginstrumenten anzutreffen. Die Instrumente vereinfachen die Verständigung jedoch nicht: Mit ihren Stimmen, den Streicherbögen und Mundstücken haben die Instrumentalisten einen experimentellen Weg vor sich, um Geräusche zu erzeugen. Die Hindernisse der Kommunikation inszenieren Brand und Stauffer auf phantasievolle und absurde Weise.
Durch die Erforschung ihrer komischen Seite können die Gesten, Texte und Klänge neu wahrgenommen werden. Brand und Stauffer erzeugen durch ihre Arbeitsweise eine gleichberechtigte Ausdrucksfunktion aller Mittel und erweitern damit den gängigen Sprachbegriff. Die Art und Weise, wie die Worte gesprochen werden, kann so mehr Bedeutung haben, als die Worte selbst. Dadurch, dass alle Teile der Performance gleichzeitig entstehen, können sie – ähnlich wie Dichter und Komponist – ihre Funktion tauschen: „Ein performatives Element verbindet sich mit Text oder stimmlichem Klang, eine Klanggeste wird Text und so weiter.“ so Eliav Brand. Aus der scheiternden Kommunikation werden auf diese Weise neue Möglichkeiten der Interaktion gewonnen.
Irene Lehmann